Biohof Witt in Weier
“Wir würden gerne mehr Eier verkaufen”
Dioxin-Eier, verseuchte Paprika, verunsicherte Verbraucher: Um beim Kauf kein Risiko einzugehen, greifen viele zu Bio-Ware. Der große Boom bleibt allerdings aus.

Die Verkaufsregale in Witts Hofladen sind voll. Nur Bio-Eier gibt es keine mehr. (Foto: Silvia Micha)
„Eier? Die verkaufen wir nur noch an unsere Stammkunden“, sagt Angelika Holzer. Äpfel, Tomaten, Salat oder auch Kartoffeln sind zu Genüge zu haben. Nur der Platz, wo sonst die Eier liegen, ist leer. Da viele Verbraucher trotz des Dioxin-Skandals nicht auf Eier verzichten möchten, greifen sie zu Bio-Ware. Denn laut der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sind Bio-Produkte vom aktuellen Futtermittelskandal nicht betroffen, da den Futtermitteln keine isolierten Fettsäuren zugesetzt werden dürfen.
Aber Hoffnung, dass sie ihre Umsätze jetzt steigern, machen sich die Biobauern nicht. „Wir verkaufen jetzt nicht mehr als vor dem Skandal. Nur die Nachfrage nach Eiern ist gestiegen. Da die Hühner jetzt aber auch nicht mehr legen als vorher, können wir nicht mehr anbieten“, erklärt die 52-Jährige, die ihre Eier vom Großmarkt bezieht. Sie selbst hat keine Hühner. Noch nicht. Ihr Mann, Johannes Witt, wünscht sich schon seit längerer Zeit welche. „Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, sich welche anzuschaffen“, sagt der 44-jährige Landwirt und schaut erwartungsvoll seine Frau an. Wenn es um die Wirtschaftlichkeit im Betrieb geht, ist sie die Ansprechpartnerin.
Bio ja, aber bitte billig!
Ihre Skepsis gegenüber der Geschäftsidee ihres Mannes ist in diesem Fall nicht unbegründet. Die Gefahr, dass nach dem Skandal wieder Kunden ausbleiben, besteht. Denn Bio boomt nur, wenn es billig ist. Das ergab jetzt eine von Nestlé veröffentlichte Ernährungsstudie zum Thema „Essgewohnheiten“. Demnach wünschen sich zwar 60 Prozent der Befragten eine artgerechte Tierhaltung, doch nur 33 Prozent wären bereit, dafür mehr zu bezahlen. Und so werden beim Verbraucher auch weiterhin Supermarkt und Discounter erste Anlaufstellen bleiben, wenn es zum Einkaufen geht. Das wissen auch die Witts, obwohl sie mit ihren Preisen manchmal unter denen im Einzelhandel liegen. „Letztens kam eine Kundin zu uns in den Laden und meinte, dass unser Feldsalat mit 1,59 Euro 40 Cent günstiger sei als im Edeka-Center“, sagt Holzer. Dennoch: Einen Biohof zu bewirtschaften setzt Idealismus voraus, reich wird man durch ihn nicht.
Strenge Kontrollen auf Biohöfen
1989 hat Johannes Witt den Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern übernommen und daraus einen Demeterhof gemacht. Damit hat sich der gelernte Maschinenschlosser vielen strengen Auflagen unterworfen. Der Verzicht auf künstliche Anbauhilfen und chemische Pflanzenschutzmittel sind wohl die allgemein bekanntesten. „Ob wir uns an die vorgegebenen Richtlinien des Bio-Anbaus halten, wird jährlich von zwei unabhängigen Kontrollstellen überprüft, vom Demeter-Verband und von der EU-Bio“, sagt Witt.
Den Kontrolleuren liegen dazu die Bebauungspläne des gesamten Hofes vor. Sie wissen genau, wo sich Backstube, Gewächshäuser, Obstbäume und Gemüsebeete befinden und nehmen jeden der 13 Hektar Land unter die Lupe. Zudem verschaffen sie sich Einblick in sämtliche Unterlagen des Finanzwesens. Selbst Kontoauszüge der Familie sind vor den Prüfern nicht sicher. Nur so könne man feststellen, was eingekauft und in der Landwirtschaft eingesetzt werde. Lohn dieser jährlichen Tortur? Zwei Gütesiegel und das Qualitätsurteil von Stiftung Warentest, das für Demeter-Produkte stets gut ausfalle, so Witt. Dass ihre Waren unbelastet sind, belegen auch willkürlich stattfindende Kontrollen durch den Wirtschaftskontrolldienst (WKD). Dieser nimmt verstärkt Stichproben, wenn irgendwo im Einzelhandel belastete Lebensmittel auftauchen – wie jetzt bei Lidl, Netto und Tengelmann. Dort hat man in spanischen Paprika Rückstände des Wachstumsregulators Ethephon nachgewiesen.
Bio aus dem Ausland
Zufall oder Absicht, dass der Demeter-Hof in Weier ausgerechnet diese Woche israelischen Paprika im Angebot hat? Bei Meldungen über belastete Lebensmittel weichen Verbraucher nämlich gerne auf Bio-Ware aus. Deren Herkunft ist dabei allerdings nicht unwichtig. „Selbst wenn Obst und Gemüse aus Israel stammen, so wie jetzt unser Paprika, kann sich der Kunde der Bio-Qualität sicher sein“, sagt Witt. Doch das sehen deutsche Verbraucher anders. Obwohl es auch im Ausland strenge Regeln für den Bio-Anbau gibt, ist das Misstrauen in die ausländische Bio-Qualität sehr hoch. Laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts „produkt + markt“ schnitten dänische (59%), französische (45%) und neuseeländische (40%) Produkte noch am Besten ab; am wenigsten Vertrauen haben Deutsche in Bio-Waren aus Russland (3%), Osteuropa (3%) und China (4%).
Bio ist also nicht gleich Bio. Die Kunden von Witt, die sogar aus Frankreich anreisen, wissen die heimische und ausländische Qualität jedoch gleichermaßen zu schätzen. Wer möchte, darf sich selbst vom bio-dynamischen Anbau überzeugen und etwa die Tomatenpflanzen im Gewächshaus oder die Kiwi-Bäume im Vorgarten begutachten. An der Auswahl von Obst und Gemüse scheitert es im Hofladen der Witts nicht. Nur Kunden könnten es mehr sein – auch solche ohne Eierwunsch.
Internationale Grüne Woche
- Vom 21. bis 30. Januar 2011 findet in Berlin zum 76. Mal die weltgrößte Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau statt. Nahrungs- und Genussmittelproduzenten aus aller Welt laden Messebesucher dazu ein, ihr Angebot an Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und Molkereiprodukten zu testen. Auch Wein, Bier und Spirituosen stehen zum Verkosten bereit. Ebenfalls vertreten sind Agrar-Direktvermarkter und der BIO MARKT mit Produkten aus kontrolliert biologischem Anbau.
Weitere Infos gibt es auf der offiziellen Seite der Ausstellung
Informationen über die genauen Demeter-Richtlinien gibt es auf der offiziellen Seite des Verbands
von Silvia Micha


