Offenburg
Wohnungsnot durch Studentenansturm
Wer derzeit in Offenburg eine Wohnung sucht, hat es schwer. Vor allem Ein- und Zwei-Zimmerwohnungen sind gefragt. Wer keine passende Bleibe bekommt, muss schon mal im Wohnmobil übernachten.
19 Uhr Offenburger Innenstadt. Etwa 25 junge Menschen stehen aufgereiht vor dem schmalen Hauseingang. Eine Frau schaut immer wieder auf ihre Armbanduhr, zwei Männer treten aufgeregt von einem Bein auf das andere, ein anderer zieht ungeduldig an seiner Zigarette. Alle warten auf den Makler. Als dieser endlich die Tür öffnet und alle in die Wohnung im Erdgeschoss bittet, drängen sich die gespannten Bewerber durch den engen Hausflur. Einer von ihnen ist Wilhelm Vüllings. Auch er hofft, heute seine Traum-Bleibe zu finden. „Es ist wirklich enorm schwierig, eine kleine und preisgünstige Wohnung hier in der Stadt zu bekommen“, sagt der 31-Jährige verzweifelt. Es gibt einfach immer zu viele Bewerber.
„Zurzeit ist es wirklich Wahnsinn. Die Wohnungen in Offenburg gehen sprichwörtlich weg wie warme Semmel“, erzählt Franz Dörfer, Angestellter von Ulli Nagel Immobilien. Bei der Maklerfirma aus Zell am Harmersbach haben sich in den letzten Wochen auf ein Angebot meist zehn bis zwanzig Bewerber gemeldet. „Es gibt zu wenig Wohnungen für die Anzahl der Suchenden“, fügt Dörfer hinzu. Nur sieben Prozent der Wohnungen in Offenburg sind laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg Ein- oder Zwei-Zimmerapartments. (Stand 2010) Auch beim Offenburger Bauträger Falk Immobilien kennt man das Problem. Kleine Wohnungen brauchen gar nicht annonciert werden, „durch Mundpropaganda werden diese sofort weitervermietet”, erzählt eine Mitarbeiterin.
250 Wohnheim-Plätze für 3800 Studenten
Für die Wohnungsnot gibt es viele Gründe. Mit Allgaier Immobilien ist in Offenburg eine Firma bankrott gegangen, die viele der Mehrfamilienhäuser in der Stadt gebaut hatte. Durch deren Insolvenz fehlt es nun an neuen Geschosswohnungen. Auch der ungewöhnlich hohe Andrang an Studenten an der Hochschule Offenburg wirkt sich auf den Wohnungsmarkt aus. Durch den Wegfall des Wehr- und Zivildienstes sowie die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen haben in diesem Wintersemester 1136 Abiturienten mit dem Studium in Offenburg begonnen, rund 200 mehr als im Vorjahr. Insgesamt gibt es derzeit 3794 Studenten. Allerdings stehen ihnen nur 250 Wohnheimzimmer zur Verfügung. Das reicht nur für sieben Prozent, die restlichen 93 Prozent der Studenten wohnen entweder bei ihren Eltern oder müssen sich eine Unterkunft in der Ortenau suchen. „Dieser Andrang wirkt sich natürlich auf den Wohnungsmarkt aus“, sagt Makler Döfler.
Die Hochschule bemüht sich, das Wohnungsproblem zu lösen. „Wir betreiben zusätzlich eine Privatzimmervermittlung, durch die Studenten eine Unterkunft suchen können“, erzählt Hannelore Schmidt, Sachgebietsleiterin des Studentenwerkes. Doch obwohl das Einzugsgebiet der Zimmervermittlung in diesem Semester bis auf Achern, Lahr oder Willstätt ausgedehnt wurde, fanden einzelne Studienanfänger in den ersten Wochen keine geeignete Bleibe. Einige mussten in der Jugendherberge Ortenberg oder in Wohnmobilen übernachten.
Strenge Auswahlkriterien
Soweit wird es bei Wilhelm Vüllings nicht kommen. Trotzdem – der Versicherungsfachmann hat sich in den letzten sechs Wochen über 15 Wohnungen angeschaut und keine passende gefunden. „Auf Online- oder Chiffre-Anfragen bekommt man meist keine Antwort. Bei Besichtigungsterminen werden die Bewerber dann nach knallharten Kriterien ausgewählt“, erzählt er. Ein besonders dreister Hausbesitzer hat ihm sogar einmal abgesagt, weil er zu jung sei. „Und das, obwohl ich über 30 bin und einen Job habe.“
Keine Probleme mit dem Alter, sondern mit dem Haustier hat Lisa Klempe*. Seit knapp zwei Monaten sucht die Rentnerin eine Wohnung für ihre 40-jährige Tochter, hat dafür bereits eine Annonce in der Zeitung geschalten und Handzettel in Supermärkten verteilt. „Da meine Tochter allerdings eine Katze hat, wollen sie viele Vermieter nicht“, erzählt die Offenburgerin.
Werbung für mehr Wohnungen
In den umliegenden Gemeinden ist es einfacher, eine Bleibe zu finden. „Wir haben auch schöne Wohnungen in Gengenbach, bei denen es nicht so viele Bewerber gibt“, erzählt Franz Dörfler. Wer dort wohnt, muss jedoch ein Auto haben, um zur Arbeit zu kommen oder in die Clubs in Offenburg gehen zu können. Für viele Studenten keine Alternative.
Deshalb plant die Hochschule Offenburg für das nächste Wintersemester eine große Werbeaktion für die Privatzimmervermittlung. Durch Anzeigen in Tageszeitungen sowie Plakaten sollen mehr Vermieter gefunden werden, die kleine Wohnungen und einzelne Zimmer an Studenten vermieten. Das ist auch dringend nötig. Denn im Herbst 2012 werden die doppelten Abiturjahrgänge aus Baden-Württemberg an die Unis strömen.
(*Name von der Redaktion geändert)
von Madlen Lesch



