Selbständig unter 30 Jahren

Nachts um 3 Uhr Brötchen verteilen

Drei Menschen. Drei Träume. Kathrin Huber, Michael Beiser und Juana Gründler sind unter 30, aus der Ortenau und selbständig. Als ihr eigener Chef müssen sie hart arbeiten, um ihren Traum zu erfüllen.

Kathrin Huber, Michael Beiser und Juana Gründler (v.l.) haben ihr eigenes Unternehmen (Foto: Laura Büchele)

Jünger als 30 Jahre: Kathrin Huber, Michael Beiser und Juana Gründler (v.l.) haben eigene Unternehmen in der Ortenau (Fotos: Laura Büchele)

„Ciao Kathi. Bis nächste Woche“, ruft eine junge Frau in breiten lila Hosen, während sie das Tanzstudio verlässt. Die letzte Schülerin für heute. Inzwischen ist es 21.30 Uhr, doch für Kathrin Huber ist der Feierabend noch lange nicht in Sicht. Auf der Theke liegt ein 50 Zentimeter hoher Stapel. „Willst du tanzen wie die Stars auf MTV?“ steht auf den bunten Werbeflyern. „Das sind 1000 Stück. Die werde ich jetzt verteilen“, sagt die 29-jährige Jungunternehmerin und schließt ihr Studio ab. Fünf Stunden wird es dauern, bis die Briefkästen gefüllt sind.

3.05 Uhr: Der Wecker klingelt. Michael Beiser stellt ihn ab und schleicht ins Bad. Schließlich soll seine Freundin nicht aufwachen. 25 Minuten später springt der 28-jährige Selbständige ins Auto und beginnt mit seiner Tour. Eine Tour, die sich jeden Tag wiederholt: von Oberschopfheim nach Achern und alles was dazwischen liegt. Unter der Woche beliefert er 40 Kunden mit frischen Brötchen. Am Wochenende sind es auch mal 120. Seit August führt er den Brötchendienst, der zu seinem kleinen Einkaufsladen „RegioGenuss“ gehört.

Nach dem Aufwachen schaut Juana Gründler aus dem Fenster. „Oh nein… Matschwetter. Ich freue mich immer, wenn die Sonne scheint.“ Denn Matschwetter bedeutet die Hunde nach dem Spaziergang abzuduschen. Die 26-Jährige öffnet die Tür zu ihrer Hundepension. Solange die Hundehalter im Urlaub oder bei der Arbeit sind, geht sie mit den Vierbeinern Gassi. Die Hunde haben es schön warm. Die Fußbodenheizung ist angestellt. Die Hunde verstehen sich gut, also nimmt die Hundetrainerin alle vier auf einmal mit. Raus aus der Wärme und in den nassen Matsch.

Die drei Ortenauer sind eine Ausnahme. „Die meisten Existenzgründer sind zwischen 30 und 45 Jahren“, sagt Christina Gehri vom IHK Startercenter Südwest. Vorher steht die Selbständigkeit für viele gar nicht zur Debatte. „Unter 30 Jahren ist man meist mit der Ausbildung beschäftigt und danach will man erst Berufserfahrung sammeln.“ Kathrin Huber, Michael Beiser und Juana Gründler haben den Schritt jetzt schon gewagt und arbeiten hart, um ihren großen Traum zu verwirklichen.

Tanzlehrerin Kathrin Huber: “Jetzt bin ich das Produkt”

Kathrin Huber in ihrem Tanzstudio "Dance Now" in Oberkirch (Foto: Laura Büchele)

Hip Hop, Ballett, Jazz – Kathrin Huber unterrichtet verschiedene Tanzstile in ihrem Tanzstudio "Dance Now" in Oberkirch (Foto: Laura Büchele)

Es war eine kurze Nacht für Kathrin Huber. Bis 2.30 Uhr hat sie in Oberkirch Flyer verteilt, um neue Kunden zu gewinnen. Am Morgen steht sie wieder in ihrem Tanzstudio. Sie erinnert sich, wie alles begann. 2008 mietet die Diplom-Tanzpädagogin verschiedene Räume in der Ortenau an, um eigene Hip Hop-, Jazz-, Ballett- und Modern-Tanzstunden unter den Namen „Dance Now“ zu geben. Einige Stunden gibt sie in den Räumlichkeiten eines Fitnessstudios in Appenweier, andere in einem Vereinshaus in Ulm, weitere Stunden in einer Taekwondo-Schule in Achern. Die Nachfrage steigt. Aus 20 Schülern werden 120. Aber Kathrin Huber, die von ihren Schülern einfach Kathi genannt wird, ist frustriert. Die Leute erkennen sie nicht als Marke. „Sie dachten, ich bin Angestellte und dass die Kurse von den jeweiligen Institutionen angeboten werden.“

Im Februar 2011 eröffnet Kathrin Huber ihr eigenes Tanzstudio in Oberkirch. „Jetzt bin ich das Produkt“, sagt sie stolz. Über 200 Schüler zwischen drei und 50 Jahren sind inzwischen bei „Dance Now“ angemeldet. „Viele Menschen sagten mir „Bleib’ lieber klein, dann hast du ein minimiertes Risiko“, aber das ist falsch. Denn dann kann man auch nur kleine Erfolge feiern“, sagt sie mit fester Stimme.

Unternehmer Michael Beiser: Ein Standbein reicht nicht aus

Letzten August eröffnete Michael Beiser den Laden "RegioGenuss" in Sasbachwalden (Foto: Laura Büchele)

Letzten August eröffnete Michael Beiser den Laden "RegioGenuss" in Sasbachwalden (Foto: Laura Büchele)

6.30 Uhr: Der Kofferraum ist leer. 150 Kilometer ist Michael Beiser gefahren, um alle Brötchen auszuliefern. Er nimmt in einem Café gegenüber seinem kleinen Einkaufsladen „RegioGenuss“ in Sasbachwalden Platz. „Viele regionale Erzeuger haben eine Plattform gebraucht, auf der sie ihre Produkte anbieten können“, erzählt der ehemalige Bankkaufmann. Mit drei Partnern entwickelt er 2011 zuerst einen Online-Shop. Eierlikör, Marmelade, Wein, Nudeln, Wurst – Produkte aus der gesamten Ortenau können mit wenigen Mausklicks nach Hause bestellt werden. Verkauft wird zum selben Preis wie bei den über 25 Erzeugern. Doch der Online-Shop läuft nicht gut an. Zur finanziellen Unterstützung jobbt der Altenheimer als Brötchenlieferant. Der ursprüngliche Besitzer hört auf, Michael Beiser nutzt die Chance und kauft im letzten August den Frühstücksdienst. Fast täglich fährt er die Strecke von 150 Kilometern. „Ich würde gerne einen Fahrer einstellen. Aber das geht finanziell nicht.“

Mit seinen Partnern eröffnet Michael im August den kleinen Einkaufsladen. „Im Moment verläuft es schleppend. Die Touristen, die gerne regionale Produkte mit nach Hause nehmen, fehlen.“ Aber Michael Beiser hat noch ein zweites Standbein. 2009 hat er „Retiso“ gegründet. Ein lokales Unternehmer-Netzwerk, ähnlich wie eine moderne Werbegemeinschaft. Die Mitgliedsunternehmen kommen aus der Region. Sie vernetzen und unterstützen sich gegenseitig. „Retiso hat im Moment 100 Mitglieder, sagt Michael Beiser. „Das Ziel sind 500.“

Hundetrainerin Juana Gründler: Mutter, Studentin, Unternehmerin

Juana Gründler auf dem Gelände ihrer Hundeschule "Dogline" in Rheinau (Foto: Laura Büchele)

Juana Gründler mit ihren Border Collies auf dem Gelände ihrer Hundeschule "Dogline" in Rheinau (Foto: Laura Büchele)

Juana Gründler duscht die vier Hunde ab und rubbelt sie dann trocken. Wie erwartet sind sie beim Toben schmutzig geworden. „Als Kind fand ich Hunde grässlich. Ich habe sogar die Straßenseite gewechselt“, erzählt sie und lacht dabei. Erst als ihre Familie einen Hund aufnimmt, legt sich ihre Angst. Hunde werden zu ihrem Hobby. 2005 gibt sie erstmals Hundekurse am Abend – nach der Arbeit als Groß- und Einzelhandelskauffrau. Die Nachfrage ist groß. „Irgendwann wurde es mir zuviel. Ich musste mich entscheiden.“

Im Mai 2008 eröffnet sie die Hundeschule „Dogline“ in Rheinau. Nun geht sie um 7 Uhr mit den Hunden aus der Hundepension Gassi. Ab 10 Uhr stehen Einzelstunden für Hunde und Herrchen auf dem Plan. „Das Welpenalter ist die beste Zeit, um mit seinem Hund in die Hundeschule zu gehen. Zwischen der zehnten und 16. Woche prägen sie sich das meiste ein“, erklärt die Hundetrainerin. Von 15 bis 20 Uhr folgen Gruppenkurse. Danach sind die Hunde aus der Pension wieder an der Reihe. „Mein Arbeitstag endet erst um halb elf abends.“ Nebenbei studiert die zweifache Mutter in Hamburg. „Nach drei Jahren bin ich zertifizierte Hundetrainerin.“ Mit den üblichen Trainerscheinen möchte sie sich nicht zufrieden geben. „Ich möchte die erste hier in der Umgebung sein, die diese Zertifizierung hat“, sagt sie selbstsicher.

Unternehmensgründer: “Die Persönlichkeit ist wichtig”

„Die unternehmerischen Risiken einer Selbständigkeit werden im Vergleich zum Angestelltenverhältnis oft zu hoch bewertet“, sagt Geschäftsführer Rolf-Eckart Bandl vom TechnologiePark Offenburg (TPO). Der TPO ist eine Stiftung mit dem Ziel, Unternehmensgründungen und junge Unternehmen zu unterstützen.

Über 90 Prozent der Unternehmen, die im TPO angefangen habe, sind erfolgreich. „Ich kann potenziellen Gründern nur Mut machen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen“, sagt Rolf-Eckart Bandl und fügt hinzu: „Natürlich müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein.“ Es muss eine ausreichende Nachfrage zum Angebot des Geschäftsmodells existieren, das Angebot muss sich vom Wettbewerb absetzen und das Geschäftsmodell muss sich rechnen. „Eine weitere Voraussetzung liegt in der Persönlichkeit des Gründers“, erklärt der Geschäftsführer. Zielstrebigkeit, eine überdurchschnittliche Fachkompetenz und ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen sind Bedingung. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit muss er seine Firma auch einmal durch schlechte Zeiten führen.“

Alle drei: Herzblut, Geld, Flexibilität

Dass sich der Aufwand lohnt, sind sich die drei jungen Unternehmer einig. „Tanzen ist mein Herzblut. Es gibt keinen anderen Beruf, der mich glücklich machen könnte“, sagt Kathrin Huber. Ihr geht es um Authentizität. Darum der Mensch zu sein, der sie ist. Die Beweggründe von Michael Beiser haben einen anderen Hintergrund. „Mit 35 Jahren Millionär sein – das ist mein Ziel.“ Noch sieben Jahre bleiben ihm, um die Million zu knacken. Und Juana Gründler? Sie machte ihr Hobby zum Beruf. „Die Arbeit macht mir Spaß, ich bin flexibel und von meinem Erfolg habe ich sogar noch was. Was gibt es Schöneres?“


von Laura Büchele

3 thoughts on “Nachts um 3 Uhr Brötchen verteilen

  1. Michael Beiser

    WOW! Vielen Dank für den tollen Bericht, Frau Büchele! Ich denke, dass ich im Namen von uns Dreien spreche, wenn ich sage, dass der Text MEHR als nur gelungen ist! :o )

  2. RegioGenuss Fan

    Ich nutze diesen Dienst schon etwa seit Oktober,
    wir sind echt begeistert, von der Qualität.
    Wir bekommen die Brötchen von der Bäckerei Rieger.
    Da habt ihr den Richtigen Lieferant ausgesucht, macht weiter so.

  3. Marc Eisinger

    Ein grosses Lob für diesen interessanten Bericht, der hoffentlich auch dazu führt, dass sich der eine oder andere motiviert sieht, ebenfalls den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. 

    Bei mir war das vor fast 20 Jahren der Fall (mit 25) und ich habe es nie bereut…

Comments are closed.