Obdachlos im Winter

Wenn nachts das Getränk einfriert

Minus zwei Grad Celsius. Schnee bedeckt den Boden. Nur wenige Menschen kommen bei diesem Wetter auf die Idee, draußen zu übernachten. Alltag für Clown Otto Augstijn.

Obdachlos und glücklich: Clown Otto Augstijn aus Offenburg
Notdürftig hängen zwei grüne Planen unter einem Balkon aneinander. Hinter diesem Verschlag vermutet man Fahrräder oder eingewinterte Gartenmöbel. Doch auf den wenigen Quadratmetern dahinter geht es bunt zu: zwei Clownpuppen sitzen mit schiefen Köpfen in einer Hollywoodschaukel. Auf dem Planwagen türmen sich Tüten von Discountern, daneben sitzt ein Plüschhund. Ein Knäuel aus Isomatte, Decke und Schlafsack daneben verrät, dass es sich hier jemand heimisch gemacht hat.

Ein Mann mit einem grauen Pferdeschwanz und einer karierten Hose in grün, gelb, rot und blau sortiert dort Gewürze in einer Pfanne. Er ist einer von 600 bis 800 Obdachlosen in der Ortenau. Sein Name: Clown Otto Augustijn. Seinen richtigen Namen will er nicht verraten. Er grinst schelmisch. Seine Augen verengen sich. „J in Augustijn steht für meinen Privatnamen. Meinen privaten Namen brauche ich aber nur für die Behörde.“ Zur Begrüßung wird erst einmal ein sauerer Apfel getrunken. Das ist Berbergesetz. Sonst ist er beleidigt.

Das richtige Material: Sieben Decken helfen gegen die Kälte von unten (Quelle: Brennpunkt Ortenau)

Mit Schaf-Fell und Schlafsack auf der Straße

Seit zwei Monaten wohnt er unter dem Balkon, der zum St. Ursulaheim, einer Offenburger Obdachlosenunterkunft, gehört. Hier übernachten jede Nacht acht bis zwölf Wohnungslose. Der sogenannte Kälteschutz ist von 21 bis 7 Uhr geöffnet. Die Cafeteria ist gut geheizt. Jeder bringt sein Schlafzeug selbst mit. Obwohl Clown Otto Augustijn nur seinen Namen hinterlassen müsste, um in den Genuss der warmen Stube zu kommen, hat er keine Lust darauf. „Wenn ich auf der Straße lebe, dann bin ich auf der Straße. Das Heim ist zwar räumlich ganz gut, aber da ist zu trockene Luft,“ sagt er mit fiebrigen Augen. Aber auch die Grippe hält ihn nicht davon ab, in der Kälte zu übernachten. „Sicher, bis ich jetzt wieder gesund bin, das dauert jetzt ein paar Tage länger, aber ich ziehe das durch.“ Er findet es nicht kalt. „Ich habe schon bei minus 16 Grad draußen geschlafen.“

Dann erklärt er sachlich sein Geheimnis, wie er auch bei Minusgraden und Schneefall auf der Straße überlebt: „Wenn du gutes Material hast und damit meine ich nicht Alkohol, dann erfrierst du auf der Straße nicht.“ Am Abend gut essen, eine Isomatte, Luftmatratze, ein Schaf-Fell und sieben Decken. Das alles muss von unten gut gegen Kälte isolieren.

Tabletten für Obdachlose

In 18 Jahren ist er durch fast alle Länder Europas gezogen: „Ich war 19 Jahre Clown an der Uniklinik in Wien. Ich habe Theaterschule gemacht, ich habe studiert und dann war es so weit, dass ich gesagt habe, ich steige aus, aber ich will was tun.“ Wenn er Lust hat, arbeitet der 59-Jährige zwei, drei Stunden in der Fußgängerzone als Clown, verteilt Lollis oder Ballons an Kinder, macht Pantomime. Eigentlich wollte er schon weiterziehen Richtung Holland. „Dort ist es noch kälter“, freut er sich. Die Beneluxländer fehlen ihm noch auf seiner Liste. Solange es ihm nicht besser geht, will er aber in Offenburg bleiben. In der Pflasterstube im St. Ursulaheim bekommt Clown Otto Augustijn Medikamente gegen Grippe.

Am Abend krabbelt er wieder in sein Häuschen. Hansel und Gretel, die beiden Clownpuppen aus dem Antiquariat, warten auf ihn. Und auch der Plüschhund, den er sich angeschafft hat, nachdem sein echter Hund gestorben war, sitzt noch da. Und dann ärgert er sich doch noch über die Kälte. „Heute Nacht ist mir mein Wasser eingefroren. Dann musste ich Saft trinken. Der war nicht eingefroren.“ Und wenn es noch kälter wird? „Dann mache ich mir warme Gedanken.“

Clown Otto Augustijn: Sein Wintertag in Bildern


von Bettina Fluhrer

Ein Kommentar

  1. Michael

    Er hätte zur Belustigung schon ein paar Kunststücke aufführen können, oder?
    Das Schöne an dem Text ist auf jeden Fall, dass es nicht so ein Betroffenheitsgesülze ist, wie man es oft findet, wenn es um Obdachlose geht. Das heißt jetzt nicht, dass deren Situation nicht schlimm ist, aber der Clown zeigt ja, wie man immer etwas Positives daran finden kann.

Der Autor

Bettina Fluhrer

Ich bin die einzige, die ... schon einmal aus der Luft berichtete.

Ich habe früher ... über Schützenumzüge geschrieben.

Ich möchte in Zukunft ... im Impressum stehen.

Ich lache über ... Wortakrobatik.

Interessanteste Themen