Kleinkunst aus Ortenberg
Vater der Fastnachtmarionetten
Sägen, modellieren, schneidern: 160 Fastnachtmarionetten hat Peter Scharte in den letzten 16 Jahren mit viel Liebe zum Detail gebaut. Die Unikate sind derzeit in Ortenberg zu bestaunen. Der Bürgermeister denkt über eine Dauerausstellung nach.

Peter Scharte freut sich über seine Ausstellung, in der er 140 seiner selbst gebauten Marionetten präsentiert (Foto: Mailin Erlinger)
Wasserfarben, ein Holzbrett und ein Schleifgerät liegen auf dem Küchentisch. Peter Scharte ist in die Arbeit vertieft. Er hält ein aus Modelliermasse geformtes Gesicht in der Hand und misst den Abstand zwischen den Augen. Neben ihm liegt eine Skizze mit vielen Zahlen. Er blickt auf die Uhr an der Wand und muss schmunzeln. „Ich vergesse immer die Zeit beim Werkeln.“ Im Augenblick arbeitet er an einem Narro, dem Hästräger aus Villingen-Schwennigen. Das Gesicht möchte er noch bemalen und ein Haarkranz flechten, bevor er alle Einzelteile der Figur zusammenfügt.
Präzision und Geduld: Akkurat muss es sein
Der 65-jährige, pensionierte Ortenberger hat eine ausgefallene Freizeitbeschäftigung. Seit 16 Jahren baut er Marionetten, die die schwäbisch-alemannische Fastnacht widerspiegeln. Die Miniaturausgaben von Narren, Hexen, Teufeln und Tieren sind ein Abbild des echten, großen Narren. Alles muss stimmen, in einem Verhältnis von eins zu vier. Jede Figur ist ein einmaliges Kunstwerk, das er mit allen Details und viel Geduld und Fleiß in liebevoller Handarbeit herstellt. 160 Marionetten hat er schon gebaut. Damit die Narren der Fasent aussehen wie die Originale, leiht sich Peter Scharte bei den Zünften die Kostüme: Maske, Kleid, Hose, und das Narrenrequisit. Mit Hilfe von Messtechnik, Skizzen und viel Aufwand gelingt es ihm, die kleinen Narren authentisch nach zu bauen. Alles muss stimmen, das ist sein Anspruch. Verkauft werden die Exemplare aber nicht. Wenn sie das Haus verlassen, dann nur, weil es auf die Reise zu einer Ausstellung geht. Ein einziges Mal hat er eine Marionette an eine Zunft verkauft. Von diesem Geld erwarb er einen speziellen Computer, den er einem blinden Mädchen in Fessenbach schenkte.
„Was ich anfange bringe ich auch zu Ende“
Für sein Hobby scheut der Künstler keine Mühen. Geduldig stellt er über viele Wochen Gewänder her, die zum Beispiel aus 600 kleinen Korkenröllchen bestehen. Jeden einzelnen Korken hat er an der Brotmaschine zurechtgeschnitten und anschließend rund geschliffen. „Wenn ich mir einen Narren ausgesucht habe, dann wird er auch gemacht.“ Seine Marionetten hat Peter Scharte immer im Kopf. Kürzlich sah er auf dem Weg zum Einkaufen einen Zweig auf dem Bürgersteig liegen. Den hat er mitgenommen, um daraus einen Reisigbesen für eine Hexenfigur zu bauen.
Fröhliche Gesellschaft: Ein Haus voll bunter Figuren
Peter Scharte werkelt an drei verschiedenen Orten in seinem Haus. In der Küche, im Heizungskeller und im Computerzimmer. An den Wänden des Hauses in Ortenberg befinden sich viele Regale. Oben drauf sammelt Ehefrau Marliese antike Bügeleisen, Geschirr und Nähmaschinen. An der Unterseite der Regale glänzen in einer Reihe befestigte Haken. „Sonst hängen die Kameraden überall in der ganzen Wohnung verteilt, wir hatten also immer lustige Gesellschaft. Jetzt ist es richtig kahl“, sagt Peter Scharte und lacht. Nur ein paar wenige Marionetten sind noch Daheim. Der Großteil ist zurzeit im Alten Schulhaus Ortenberg zu besichtigen. Die Ausstellung wird von seiner Familie und ihm betreut.
Familienprojekt: Jeder macht mit
Peter Scharte steigt ins Auto und fährt die Straße herunter zur Alten Schule Ortenberg. Er erzählt, dass ihm beim Bauen der Marionetten seine Frau unterstützt. Sie hilft ihm bei Strick- und Häkelarbeiten. Früher, als seine drei Kinder noch zu Hause lebten, hat die ganze Familie im Esszimmer gesessen und gemeinsam an den Puppen gearbeitet. Heute haben die Kinder schon eigene Kinder. Die sieben Enkel verfolgen beeindruckt, welche Kunstwerke ihr Großvater zaubert.
Kurswechsel: Vom Ingenieur zum Künstler
Geboren wurde der Marionettenbauer im oberbayerischen Altenmarkt. Seine Jugend verbrachte er in Heidelberg. Mit 15 Jahren zog er nach Offenburg, um dort eine Ausbildung zum Maschinenschlosser zu beginnen. Nachdem er ein halbes Jahr in diesem Beruf tätig war, ging er zur Bundeswehr. Danach studierte Peter Scharte und wurde Maschinenbau Ingenieur. Viele Jahre arbeitete er in der Produktion, dann in der Entwicklung und Planung. Neben seiner Familie, dem Haus und dem Garten pflegte er eine große Leidenschaft: Fußball. Er spielte in diversen Firmenmannschaften. „Ich war richtig fußballverrückt“, sagt Peter Scharte, der seine Hobbys schon immer sehr intensiv ausgelebt hat. Mit 50 erlitt er einen schweren Hüftschaden. Als er ein neues Hüftgelenk erhielt, war klar, dass nun Schluss sei mit dem Ballsport. Ein anderes Hobby musste her. Marliese bekam von Bekannten eine Marionette geschenkt – eine Lehrerin mit Buch und Schreibfeder unter dem Arm. Sie hängt noch heute in der gemütlichen Essstube, wo alles begann. Die Marionette inspirierte Peter Scharte zu einem eigenen Versuch. Seine Kinder waren begeistert und schlugen dem Vater vor, eine Narrenfigur zu entwerfen.
In der Ausstellung: Fragen sind erwünscht
Peter Scharte schließt die Tür des leerstehenden Schulgebäudes in Ortenberg auf. 140 seiner Marionetten sind hier in Szene gesetzt. In einer Gegend, wo die Fastnacht eine so große Rolle spielt, sind die Miniaturnarren ein absolutes Highlight. Sogar Kindergarten- und Schulgruppen haben sich angekündigt, um etwas über die Fasent zu lernen. „Die Anerkennung, die mir die Besucher entgegenbringen, genieße ich natürlich“, verrät Peter Scharte und lächelt. Die Ausstellung ist so beliebt, dass Markus Vollmer, der Bürgermeister von Ortenberg, nun über eine Dauerausstellung nachdenkt.
Ideenmangel? Keine Spur!
Die Ideen für neue Entwürfe gehen Peter Scharte nicht aus. „Die Fasent ist unerschöpflich. Es gibt tausende Zünfte und jede hat ihre eigene Figur.“ Er träumt davon, noch alle Tierfiguren der schwäbisch-alemannischen Fastnacht nachzubauen. Der Künstler lässt den Blick über die vielen Marionetten schweifen, die in unterschiedlichsten Körperhaltungen an ihren Fäden hängen.
Perfekt muss es sein: Der Künstler bleibt seinem Prinzip treu
Unter den Figuren befindet sich auch ein Narro. Aber warum macht sich Peter Scharte die Mühe ihn noch einmal zu bauen? Der Grund: Die aufwändige Bemalung auf der Hose des alten Narro ist noch nicht perfekt, denn das Muster des Originalkostüms befindet sich einige Zentimeter über dem Knie und nicht darunter. Peter Scharte möchte aber in drei Tagen einen perfekten Narro mit auf die Ausstellung nach Villingen-Schwenningen nehmen. Wie ein Vater blickt er auf die Schar der bunten Fantasiewesen und lächelt stolz. Zurecht!
(Portrait: Silvia Goics/Fotos und Bildergalerie: Mailin Erlinger)





Ich wollte fragen ob man auch so ne Marionette kaufen kann ???
Die Latscharies aus Kirchen-Hausen sehen super aus