Theaterkritik "Fettes Schwein"
Zu dick für die Liebe
Helen ist intelligent und charmant. Sie könnte Toms Traumfrau sein – hätte sie nicht Kleidergröße XXL. Das gesellschaftskritische Theaterstück “Fettes Schwein” überzeugte das Offenburger Publikum am vergangenen Freitag in der Oberrheinhalle – trotz Schwächen.
„Kann ich mit einer Frau ausgehen, die übergewichtig ist?“ Tom ist hin und her gerissen, als er die pummelige Helen zufällig in einem Bistro in seiner Mittagspause kennenlernt. Sie bringt ihn zum Lachen, ist intelligent, charmant und sieht gut aus. Eigentlich perfekt, wären da nicht ein paar Pfund zu viel auf ihren Rippen, die so gar nicht zu Toms Schönheitsideal passen. Oberflächlich, aber in Toms Alltag normal. Der Jungmanager ist in seinem Büro umgeben von schlanken, schönen Frauen und Womanizern, die nur aufs Äußere achten. Trotzdem tauscht Tom mit Helen Telefonnummern aus. Er ist fasziniert von ihr, hat sich schon lange nicht mehr so zu einer Frau hingezogen gefühlt. Die beiden kommen zusammen, doch auf der Arbeit verheimlicht Tom die Beziehung. Als seine Kollegen eines Tages doch von Toms neuer Liebe erfahren, wird Tom zum Gespött der ganzen Firma.
Konflikt nicht deutlich herausgearbeitet
Auf die Bühne gebracht wurde Neil LaButes Theaterstück von Regisseur Volker Hesse – jedoch mit einigen kleinen Schwächen. Tom, gespielt von Martin Lindow, ist von der ersten Szene an sehr unsicher, schwach und feige. Die Dialoge mit Helen wirken immer ironisch distanziert und mit wenig Gefühl. Toms Zwiespalt wird daher leider nicht deutlich herausgearbeitet. Seine neue Liebe Helen oder sein Ansehen im Büro – man kann sich leicht denken, was für Tom am Ende wirklich zählt. So ist es für den Zuschauer auch nur schwer zu verstehen, warum sich die selbstbewusste, schlagfertige Helen so zu Tom hingezogen fühlt, müsste sie doch eigentlich schon ahnen, dass er es nicht ernst meint. Abgesehen davon spielt Katrin Filzen ihre Rolle als Helen überzeugend. Sie macht als einzige Person eine Entwicklung durch: So ist sie anfangs mit ihrem Körper im Reinen, strotzt nur so vor Selbstironie und ist Tom deutlich überlegen. Am Ende wird jedoch auch die starke Helen schwach. Aus Angst vor dem Alleinsein hinterfragt sie ihre füllige Figur und denkt sogar über eine Schönheits-OP nach. Toms Arbeitskollegen Carter und Jeannie, gespielt von Benjamin Kerner und Julia Hansen, brillieren ebenfalls in ihren Rollen als oberflächliche Spötter, sind kühl und emotionslos. Benjamin Kerner verkörpert den zynischen und intriganten Bösewicht Carter dabei besonders eingehend.
Oberflächlichkeit als Stilmittel
Viel Tiefe gibt Regisseur Volker Hesse jedoch keinem seiner Akteure – das mag ein Stilmittel sein, das die Oberflächlichkeit der Figuren unterstreicht, mehr Facettenreichtum hätte dem Stück jedoch gerade im Hinblick auf Toms Zerrissenheit und Helens Entwicklung gut getan. Lacher und spritzige Dialoge gibt es dagegen um so mehr. Am Ende kann der Zuschauer aber mit keinem so richtig mitfühlen. Volker Hesse lässt ganz in LaButes Sinn alle seine Figuren als Schwächlinge zurück, die sich nur nach den Erwartungen anderer richten und nicht für ihre eigene Meinung kämpfen.
Abstrakt und verstrickt: überzeugendes Bühnenbild
Weitere Termine:
23. Januar, 20 Uhr, Kehl, Stadthalle, Großer Saal
24. Januar, 20 Uhr Freudenstadt, Theater im Kurhaus
25. Januar, 20 Uhr, Bühl, Bürgerhaus Neuer Markt
Besonders lobend zu erwähnen ist das Bühnenbild von Jens Telschow, das hauptsächlich aus einer abstrakten Konstruktion aus weißen Bändern besteht und mit nur wenigen Requisiten, wie Tischen und Stühlen ausgestattet ist. In jeder weiteren Szene wird ein weißes Band mehr über die Bühne gespannt. So wie sich die Charaktere von Szene zu Szene mehr verstricken und Toms Situation immer auswegloser erscheint, wird auch das Netz auf der Bühne immer dichter. In der letzten Szene werden bis auf eines alle Bänder gelöst, Toms trifft eine Entscheidung, die ihn aus seinem Netz voller Lügen und Verstrickungen befreit. Am Ende fühlt sich der Zuschauer gefangen zwischen Tragödie und Komödie. Auch wenn den Charakteren zum Teil die Tiefe fehlt, so regt das Stück doch zum Nachdenken an. Spielen Aussehen und äußere Erscheinung in unserer Gesellschaft wirklich so eine große Rolle?
von Mailin Erlinger




