Behindertenwerkstatt Offenburg
Lebenshilfe auf 7000 Quadratmetern
Zu viele Mitarbeiter und inhumane Zustände: Die Lebenshilfe bekommt eine neue Werkstatt. So entstehen neue Arbeitsplätze – und ein weiteres Geschäftsmodell.

Aufsichtsratsvorsitzender der Lebenshilfe Manfred Siebert zusammen mit der Oberbürgermeisterin Edith Schreiner. Quelle: Brennpunkt Ortenau
„Arbeit ist mehr als Beschäftigung, Arbeit ist Lebenshilfe“. In diesem Sinne hat Oberbürgermeisterin Edith Schreiner den neuen Baugrund der Lebenshilfe eingeweiht. Auf 7000 Quadratmetern entsteht eine zusätzliche Werkstatt der Albert-Schweitzer-Behindertenwerkstätten Offenburg. Der Baubeginn für das drei Millionen Euro teure Projekt ist auf Mitte April angesetzt. In einer 15-monatigen Bauphase entsteht nicht nur eine neue Werkstatt, sondern auch ein zusätzlicher Geschäftszweig der Behindertenwerkstatt.
Überfüllte Räume
Es war ein langer Weg, bis die Lebenshilfe die Planungen abgeschlossen und alle Sponsoren gefunden hat. „Vom ersten Gedanken bis zum heutigen Tag sind ganze acht Jahre vergangen“, erklärt Manfred Siebert, Aufsichtsratsvorsitzender der Lebenshilfe. „Inhumane Zustände in den jetzigen Behindertenwerkstätten waren ausschlaggebend für das Projekt”, sagt Siebert: Denn gegenwärtig arbeiten zu viele behinderte Mitarbeiter in den Werkstätten, die bereits aus allen Nähten platzen. Finanziert werden die drei Millionen Euro zu 20 Prozent von der Lebenshilfe selbst. Die restlichen 80 Prozent stammen von verschiedenen Leistungsträgern, wie dem Land Baden-Württemberg, der Bundesagentur für Arbeit und dem Kommunalverband für Jugend und Soziales und zu einem geringen Teil von der Aktion Mensch.
Zukunftsträchtiges Geschäftsmodell
Bisher kümmern sich die 330 behinderten Angestellten in den Werkstätten um Arbeiten wie Verpackungs- und Lötarbeiten. Der zusätzliche Bau gibt Raum für ein neues, zusätzliches Geschäftsmodell, die IT-Equipment-Service GmbH. Projektleiter Bernd Erb hat diese mit entwickelt und stellt sich folgendes Szenario vor: PCs werden gekauft und sind nach kurzer Zeit wieder veraltet. Entscheidet sich beispielsweise eine Firma dafür, neue Technik zu kaufen, steht sie vor einem großen Problem: Wie können geheime Daten, Geschäftsbriefe und installierte Software sicher von den Festplatten gelöscht werden? Darauf will sich die neue Behindertenwerkstatt spezialisieren. „Das ist einmalig in dieser Größe in der Ortenau”, sagt Erb. Dabei fungiert die Firma aber nicht als Elektroschrott-Verwerter, sondern verkauft die Rechner nach der Datenlöschung weiter.
Vorteile für Unternehmen
Erb sieht darin verschiedene Vorteile für die Auftraggeber: Da es sich um eine gemeinnützige Werkstatt handelt, werden nur sieben Prozent Mehrwertsteuer veranschlagt. Ein weiterer Vorteil ist die Beschäftigung von behinderten Menschen. Denn deutsche Unternehmen müssen ab einer bestimmen Mitarbeiterzahl behinderte Menschen einstellen. Tun sie das nicht, werden sie zur Kasse gebeten. Wird die IT-Equipmet-Service-GbmH beauftragt, können sie dies darauf anrechnen lassen.
Der gute Zweck
Die Lebenshilfe schafft durch die neue Werkstatt 70 Arbeitsplätze: 46 für behinderte Menschen in der Produktion und zusätzliche 24 Arbeitsplätze für Mitarbeiter im Bereich Förderung und Betreuung. Besetzt werden die offenen Stellen weitgehendst aus den bereits bestehenden Werkstätten, da diese überfüllt sind.
1977 wurden die ersten Behindertenwerkstätten in Offenburg gegründet. „Die Gesellschaft ist leistungsorientiert und Behinderte sollten dabei nicht ausgegrenzt werden“, sagt Oberbürgermeisterin Edith Schreiner. Es sei wichtig, behinderten Menschen Zukunftschancen zu bieten und ihnen ein gewisses Selbstwertgefühl zu vermitteln, und zwar durch Arbeit.
Mehr im Internet
- Albert-Schweitzer-Werkstatt Offenburg
Webseite der Albert-Schweitzer-Werkstätten - Bundesamt für Zivildienst
Webseite der Bundesanstalt
von Birgit Mueller



