Konzept Wirtschaftsgymnasium
Hochschulreife für alle
Studienplätze sind rar, die Voraussetzungen hoch: Real- oder gar Hauptschüler schreiben eine Karriere als Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur häufig von vorne herein ab. Zu Unrecht.

Maik Wüssler (li.) und Frederic Franz (re.) : Die beiden ehemaligen Realschüler stehen kurz vor dem Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Offenburg. (Quelle: Brennpunkt Ortenau)
Chancengleichheit: Auch Haupt- und Realschüler können Abitur machen
Patrick blickt konzentriert nach vorne zum Dozenten: „Technische Mechanik II“ heißt die Vorlesung, in der er sitzt – bislang die größte Hürde für ihn im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen. Den ersten Teil der Vorlesung hat er bereits erfolgreich bestanden. Darauf ist er stolz. Vor allem, weil er früher Hauptschüler war. Bis er nach der siebten Klasse an das Wirtschaftsgymnasium gewechselt und dort nach sechs Jahren Abitur gemacht hat. Patrick ist einer der ersten Hauptschüler, die die Chance ergriffen und schon zur achten Klasse auf das Wirtschaftsgymnasium gewechselt haben, „um später zu studieren“ sagt er. Haupt- und Realschüler, die früh merken, dass sie gerne studieren möchten und sich für Wirtschaft interessieren, können bereits nach der siebten Klasse auf die kaufmännischen Schulen in Offenburg wechseln. Der Verband der kaufmännischen Schulen dort bietet als einziger ein Abitur mit Schwerpunkt Wirtschaft in sechs Jahren an. Begabte Haupt- und Realschüler und Gymnasiasten anderer Schulen können über diesen Ausbildungsweg die allgemeine Hochschulreife erlangen und sich damit für alle Fachrichtungen an jeder Hochschule bewerben.
Neues Spiel, neues Glück: Die Anmeldefrist für das kommende Schuljahr beginnt
Zwei Klassen à 27 Schüler wurden im letzten Jahr gebildet. Das Konzept kommt also an. Und auch in diesem Jahr stehen die Chancen für alle Interessierten gut: Es soll wieder zwei Klassen geben, sagt Studiendirektor Oßwald vom Wirtschaftsgymnasium Offenburg. Der Startschuss für die Anmeldung fällt mit dem Infoabend am 25. Januar. Die Plätze werden nach dem Anmeldeschluss am 1. März anteilig an die Haupt- und Realschüler und Gymnasiasten, die alle Voraussetzungen erfüllen, vergeben. Hauptschüler müssen eine Aufnahmeprüfung in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch bestehen. Bei den Realschülern sind die Zeugnisnoten ausschlaggebend: Besonders die Noten in Deutsch, Englisch und Mathe sind relevant. Zwei Zweier müssen es sein, in einem der drei Fächer darf auch ein Befriedigend stehend. Sind es zwei Dreier oder schlechtere Noten, muss man auch als Realschüler eine Aufnahmeprüfung ablegen.

Begeistert: Jennifer Franz hat erst zur elften Klasse an das Wirtschaftsgymnasium gewechselt. Sie findet den Unterricht und die Gemeinschaft unter den Schülern super. (Quelle: Brennpunkt Ortenau)
„Manche Hauptschüler sind besser als die Gymnasiasten“
Dank ihrer guten Noten konnten Maik Wüsseler und Frederic Franz nach der Versetzung in die achte Klasse von zwei Realschulen aus der Region zum sechsjährigen Wirtschaftsgymnasium wechseln. Jetzt sind sie in der Jahrgangsstufe dreizehn und haben ihr Abitur schon fast in der Tasche. Unter den 28 Schülern, die mit Maik und Frederic in der achten Klasse am Wirtschaftsgymnasium angefangen haben, waren zwei Hauptschüler, erzählen sie. Die meisten kamen von Realschulen, einige auch von anderen Gymnasien. Wer woher kommt, spielt für die beiden keine Rolle. Auch Jennifer Franz ist begeistert: „Die Klassengemeinschaft ist super“ sagt sie, „Unterschiede zwischen den Haupt-, Realschülern und Gymnasiasten werden keine gemacht“.
Die Hauptschüler sind sogar positiv aufgefallen. „Witzigerweise waren die Hauptschüler besonders in der neunten und zehnten Klasse besser als manche, die vom Gymnasium gekommen sind“, erzählt Maik. Einer der beiden macht gerade mit Maik und Frederic gemeinsam Abitur, der andere hat sich nach der zehnten Klasse bewusst für eine sehr gute Ausbildungsstelle entschieden.
Brücken bauen: Unterschiede werden ausgeglichen, neue Fächer kommen hinzu
Damit die Unterschiede zwischen den Schülern nach dem Schulwechsel ausgeglichen werden, werden im ersten Jahr hauptsächlich allgemein bildende Fächer wie Deutsch, Mathe, Physik, Biologie und Geschichte unterrichtet. Ab der neunten Klasse kommt Wirtschaft als verpflichtendes Kernfach hinzu. Mit Englisch als erster Fremdsprache und Französisch oder Spanisch als zweiter Fremdsprache werden die Schüler auch im sprachlichen Bereich für den Beruf fit gemacht.
Marketing: Die kaufmännischen Schulen Offenburg rühren die Werbetrommel
Für ihr einzigartiges Konzept machen die kaufmännischen Schulen Werbung. Johanna Mannefeld aus dem Sekretariat des Wirtschaftsgymnasiums und ihre Kolleginnen verschicken Informationsmaterial an die Oberschulen in der Ortenau. Besonders die Haupt- und Realschullehrer nehmen das gerne an und raten ihren besonders guten Schützlingen, sich zu bewerben. Auch Maiks Klassenlehrerin an der Realschule in Gengenbach hat ihm als Klassenbestem zum Wirtschaftsgymnasium geraten. Maik ist froh über seine Entscheidung. Auch Frederic würde immer wieder auf den Rat seines Vaters hören, sich am Wirtschaftsgymnasium zu bewerben, sagt er. Die kaufmännischen Fächer liegen ihm, begründet er seine Entscheidung. Er war nach der Siebten der einzige aus seiner Klasse, der zum Wirtschaftsgymnasium gewechselt hat.
Frederic und Maik wollen auf jeden Fall studieren: „Wirtschaftsinformatik“ sagt Frederic spontan. Maik überlegt kurz: „Controlling oder Wirtschaftsingenieurwesen“ beschließt er dann.
Mehr Infos
Homepage der Kaufmännischen Schulen
von Susanne Rietfort



