Deutscher Meister im Rollstuhl-Powerlifting

Ein Leben für den Sport

Lebenspower dank Powerlifting – seit einem schrecklichen Unfall querschnittsgelähmt, gelingt es Gennadij Neb mit Hilfe des Sports, sich ins Leben zurückzukämpfen. Mit eisernem Willen wird er sogar Deutscher Meister im Rollstuhl-Powerlifting.

Gennadji Neb beim Training

Gennadij Neb trainiert täglich hart für seinen Erfolg (Quelle: privat)

Er liegt auf dem Rücken, seine Hände umklammern ein über 100 Kilogramm schweres Gewicht, das seine Brust berührt. Sein Gesicht ist ruhig, aber angespannt. Dann kommt der Befehl des Schiedsrichters, er stemmt mit aller Kraft das Gewicht in die Höhe, bis seine Arme durchgestreckt sind. Nach einer Sekunde halten, hat er es geschafft – 110 Kilo. Gennadij Neb ist Deutscher Meister im Rollstuhl-Powerlifting.

Seit einem schweren Unfall ist der 35-Jährige querschnittsgelähmt. Der Sport hat ihm dabei geholfen, den Lebensmut nicht zu verlieren, niemals aufzugeben. Beim ersten Hören klingt Powerlifting nach Muskelpaketen, die, breit wie Ochsen, baumstammgroße Gewichte in die Luft reißen. Aber Gennadij Neb ist anders: muskulös, aber nicht protzig, mit 64 Kilo eher schmal, er bedankt sich im Gespräch sehr häufig, hat Gentleman-Manieren und lacht viel und gerne.

Gennadij Neb – seine Geschichte und die Liebe zum Sport

Gennadij Neb ist in Kasachstan geboren und aufgewachsen. Schon in der Schulzeit war er sportbegeistert. Besonders der Kampfsport war seine große Leidenschaft- Judo und Karate. Um sich stetig zu verbessern, absolvierte er täglich auch ein straffes Krafttrainings-Programm. Doch das Leben in Kasachstan war nicht einfach. Nach seiner Ausbildung zum Elektromechaniker musste er hart arbeiten, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Da blieb wenig Zeit für den geliebten Sport. Mitte der 90er spitzte sich die schwierige Lebenssituation derart zu, dass Gennadij Neb und seine Frau entschieden, in Deutschland ein neues Leben aufzubauen.

Seine Frau verließ Kasachstan zuerst in Richtung Offenburg in der Ortenau, Gennadij sollte, sobald alle bürokratischen Hürden überwunden waren, nachkommen. Doch dann die Katastrophe: 1998, kurz vor seiner Ausreise, stürzte er während des Arbeitens von einem Kran und brach sich das Rückrat- es war klar, dass er nie wieder laufen können würde. Die kasachischen Ärzte rieten ihm, so schnell wie möglich nach Deutschland zu ziehen, weil die dortigen Behandlungen und Reha-Programme besser seien.

Und Gennadij schaffte es nach Deutschland. Monatelang wurde er in der Tübinger Unfallklinik behandelt. Schon während dieser Zeit erkundigte er sich nach Sportmöglichkeiten für Rollstuhlfahrer in Offenburg, wo er in Zukunft mit seiner Frau leben wollte. Der Sport gab ihm die Kraft, nach vorne zu blicken. Der Vorsitzende des BSG Offenburg Klaus Müller hat ihn von Anfang an unterstützt.

Gennadij Neb wurde Teil des Offenburger Basketballteams für Rollstuhlfahrer. „Basketball bedeutet für mich Spaß, Unterhaltung und Freundschaft“, erzählt er. Auch seinen besten Freund Roland lernte er dort kennen. Der überredete ihn, nicht nur Spieler, sondern auch Teil des Trainer-Gespanns des Rollstuhl-Basketballteams zu werden. Und Genanadij Neb sagte zu, auch wenn er befürchtete, dass seine Deutschkenntnisse dazu nicht ausreichen würden. „Ich hatte ganz schön Angst, dass mich keiner versteht“, sagt er – dabei versteht man ihn sehr viel besser, als er selbst denkt – aber glauben tut er es nicht, wenn man es ihm sagt.

Wie wurde aus dem Basketballspieler ein Deutscher Meister im Powerlifting?

Gennadij Neb mit Powerlifting Bundestrainer Thomas Mersdorf

Aus der Zeit, in der er aktiv Kampfsport betrieben hat, ist ihm die Liebe zum Kraftsport geblieben. „Ich habe auch schnell gemerkt, dass mir zwei mal Basketball-Training in der Woche zu wenig ist“, meint er. Bei einem Reha-Aufenthalt in Bad Wildungen schlich er abends aus Neugierde in die noch beleuchtete Turnhalle und landete mitten in einer Trainingseinheit der Rollstuhl-Powerlifting-Mannschaft. „Ich war so fasziniert, dass halb gelähmte Menschen solche unglaublichen Gewichte stemmen können“ sagt er mit leuchtenden Augen. Am selben Abend lernte er auch den Powerlifting-Bundestrainer Thomas Mersdorf kennen, der ihn auch gleich einlud mal probeweise mitzutrainieren. Und Gennaij war sofort begeistert. Er trainierte sechs Monate lang mit vollem Ehrgeiz, stemmte dann 15 Kilo mehr als zu Beginn des Trainings- üblich ist eine Steigerung von circa 5 Kilogramm pro Jahr.

Sein Alltag

Seit sieben Jahren wohnt er mit seiner Familie in Hohnhurst bei Kehl. Tagsüber kümmert er sich um den Haushalt und seinen dreijährigen Sohn. Mit seinem Hund dreht er täglich eine Runde mit dem Handibike. Seine große Liebe gilt dem Sport. Er ist viel im Sportverein tätig, auch wenn er dafür kein Geld bekommt. Von Montag bis Samstag ist er mit Sport beschäftigt, trainiert mindestens zweimal am Tag. In Offenburg spielt und trainiert er Basketball, in Goldscheuer absolviert er sein Krafttraining und in Berghaupten geht er zur Krankengymnastik.

Und die harte Arbeit zahlt sich aus: 2006 wird er nach nicht mal einem Jahr Training zum ersten Mal Deutscher Meister im Rollstuhlfahrer-Powerlifting. „Das hat keiner erwartet, auch ich selber nicht“, sagt er. Mit seinen „normalen Fußgänger-Freunden“, wie er sie schmunzelnd nennt, hat er zum Spaß Armdrücken-Wettbewerbe veranstaltet. Alle waren erstaunt, dass er ohne Probleme alle niedergerungen hat. „Obwohl ich mit meinen 64 Kilo noch der Leichteste und Schmalste von allen bin“, sagt er und lacht. Mittlerweile ist er schon dreimaliger Deutscher Meister, nimmt auch an internationalen Wettbewerben Teil. Dieser Erfolg bedeutet ihm sehr viel, macht ihn stolz. Basketball ist Spaß, aber Powerlifting ist für ihn etwas, das seinen sportlichen Ehrgeiz befriedigt und sein Ego puscht. „Selbst in den Augen meiner Frau bin ich irgendwie größer geworden – und das will was heißen“ meint er und lacht laut auf.

Der Sport und besonders Powerlifting haben ihm geholfen, den Mut nicht zu verlieren, Kontakte zu knüpfen, stolz zu sein und selbstbewusst. „Mir wurde klar, ich bin kein armer Krüppel, sondern stark! Ich kann schließlich besser Basketballspielen und mehr Gewicht stemmen als die meisten Fußgänger“, sagt er mit einem Lächeln.

Bei allem Ehrgeiz bleibt er aber auch realistisch. Denn aus gesundheitlicher Sicht ist Powerlifting ein sehr belastender Sport, gerade für Rollstuhlfahrer. „Ich brauche meine Arme, ohne die könnte ich nur noch Bett liegen“, sagt er leise. Deshalb ist er vorsichtig und will mit kleinen Schritten im Training vorankommen. Nur das Alter macht ihm Sorgen, denn mit seinen 35 Lenzen hat er nur noch gut zehn Jahre, um diesen Sport zu betreiben. „Aber ich denke, ich werde sicher noch ein Star- ein weltberühmter natürlich“, sagt er unvermittelt und lacht laut los.

Seine Ziele und Träume

Erschöpft und verschwitzt unter dem Applaus der Zuschauer den Deutschen Meistertitel zu empfangen – ein Glücksmoment für Gennadij. Er würde gerne beides zusammen weitermachen, Powerlifting und Basketball. Das Problem ist nur, dass er im Basketball langsamer machen muss, wenn er sich im Powerlifting weiterentwickeln will. Denn jede kleine Verletzung macht eine Bestleistung im Kraftsport unmöglich.

Sein Traum wäre, irgendwann als Powerlifter bei den Paralympics dabei zu sein oder der Weltmeisterschaft. „Aber allein für die WM müsste ich mich noch um 10 bis 15 Kilo verbessern und das dauert drei Jahre“, erklärt er. Eine Medaille bei der Europameisterschaft ist ein Ziel, das er auf jeden Fall noch erreichen möchte. „Egal ob Bronze oder Gold“, meint er und lächelt – eher ein Goldmedaillen-Lächeln.

So funktioniert Powerlifting

  • So viel Gewicht wie möglich stemmen. Jeder Athlet hat insgesamt drei Versuche, mit Pausen dazwischen. Der Sportler nimmt zunächst die Liegeposition ein, das Gewicht berührt seinen Brustkorb. Auf Befehl des Schiedsrichters muss er es dann stemmen. Wird das Gewicht frühzeitig gehoben, bevor der Schiedsrichter etwas gesagt hat, ist der Versuch ungültig. Bis zu maximal zwei Sekunden lang soll das Gewicht gehalten werden.

von Kirstin Macher

Ein Kommentar

  1. Sehr schöner Artikel aus dem Sportleben der Ortenau und wie man ein schweres Schicksal meistern kann.

Der Autor

Kirstin Macher

Ich bin die einzige, die ... zugibt jeden Steven Seagal Film gesehen zu haben.

Ich habe früher ... immer leidenschaftlich Andy "Turbo" Möller gegen Kritiker verteidigt.

Ich möchte in Zukunft ... verliebt bleiben und vor Freude platzen, wenn Schalke Meister wird.

Ich lache über ... Peter Sellers und meinen Onkel Manfred.

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